Fachbereich Ethik

Ethik: Ein neues Fach etabliert sich

Viktor hält Ethik für eine Stoffsorte aus Bali und Skrupel für die russische Währung. Zum Glück ist Viktor eine fiktive Figur, und wir können uns daher auf den einzig wichtigen Begriff in diesem Zusammenhang konzentrieren: Glück.

In der Nikomachischen Ethik definiert Aristoteles die Glückseligkeit (Eudai-monia) als Gut-leben und Gutes tun. Wir nennen das heute Selbstverwirklichung. Aber dazu brauchen wir Werte, um zu entscheiden. Hat der Würzburger Professor richtig gehandelt, als er die hirntote Mutter an den medizinischen Geräten am Leben erhielt, um das Kind in ihr zur Welt zu bringen? Hat Präsident Clinton eine ethisch fundierte Entscheidung getroffen, als er Celera Genomics zwang, die Entschlüsselung von 97% der menschlichen Gene den Mitbewerbern zugänglich zu machen? Ethik ist ein schwieriges Fach, auch für den Lehrer.

Er hat im Normalfall ein fundiertes Wissen in seinen Fachgebieten, aber Ethik hält sich nicht an Fachgebiete. So muss er seine etwa philosophisch gesicherte Position verlassen und in völlig Fremdes eintauchen, Bioethik und medizinische Ethik und Gentechnologie oder juristische und wirtschaftliche Grundlagen und Detailkenntnisse erwerben. Das ist eine wunderbare Übung in Bescheidenheit und Flexibilität und schafft Duldsamkeit im Umgang miteinander in der Ethikgruppe.

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“, oder nur Vorläufiges. Also ist Expertenwissen willkommen, von Schüler- und von Lehrerseite, was eine flexible Methodik erfordert, die auf die Integration aller Beiträge und Beteiligter aus ist und Teamarbeit fördert. Teamarbeit auch in dem Sinne, dass verschiedene Begabungen zusammenkommen: der Kreative, der Umsetzer, der Controller, der Supervisor. Damit nicht ein Team Nur-Kreativer niemals aus der Planungsphase herauskommt, oder ein Team Umsetzer das Unternehmen ungebremst an die Wand fährt. Wenn wir die Lehrplaneinheiten Ethik von Klasse 8 bis 11 durchgehen, lesen sich die Themen wie ein Kaleidoskop der modernen Gesellschaft:

Sich selbst finden (8)

Lebensgestaltung und Verantwortung (9)

Liebe, Ehe, Familie - Altern, Sterben, Tod; soziale Gerechtigkeit (10)

Natur und Mensch, Gewalt und Gewaltlosigkeit (11)

Das Kurssystem der Klassen 12/13 bringt dann die philosophische Begründung von Ethik und Recht und Gerechtigkeit (als Prüfungsthemen) und weitere Grundlagen für ein ethisch fundiertes Wissen und Handeln, denn Ethik ist handlungsorientiert. Sicher operationalisierbar und abprüfbar, sonst wäre sie nicht jüngst mit dem Status eines schriftlichen Abiturprüfungsfachs versehen worden, aber wesentlich mit dem Ziel einer gelungenen Lebenspraxis: Begründung moralischen Handelns durch die Orientierung an der Natur des Menschen in Übereinstimmung mit der Umwelt und in freier Verantwortung als Grundlage für Menschenwürde. Entwicklungspsychologisch betrachtet ist Moral als moralisches Vorverständnis in Klasse 8 vorhanden. Moral als soziales Phänomen wird erarbeitet in den Klassen 9 und 10, ausgehend vom Nucleus des Individuums in sich erweiternden gesellschaftlichen Themen. In der Oberstufe, ab 11, führt die Begründungs- und Rechtfertigungsethik im Spannungsbogen zwischen Kants Sollensethik: Was sollen wir tun? und Aristoteles' Tugendlehre: Was für ein Leben führen wir zum aufgeklärten ethischen Wissen und Handeln? Eine der schönsten Handlungsanleitungen aristotelischer Tugend findet sich in der Erklärung der Gerechtigkeit.

Gerecht ist, dass jeder das Seinige verrichtet gemäß der ihm innewohnenden Tugend und diese vervollkommnet nach seinen Möglichkeiten, „und immer wird seine seiner eigentümlichen Tugend gemäße Tätigkeit die vollendete Glückseligkeit sein“ (Nikomachische Ethik, X,7). Soviel zur eingangs erwähnten Selbstverwirklichung. Die einleuchtendste Erklärung transzendentaler Existenz findet man in Platons Begriff der Idee. Durch vernünftiges Denken erkennen wir die Ideen als die wesentlichen Formen des Seins: Sie sind unsichtbar, immer gleich, unendlich - egal, wie ihre konkreten Ausformungen (Abbilder) sich verändern, zusammensetzen und wieder vergehen.

Will heißen: Die Idee etwa der Schönheit bleibt, ganz gleich, welchem Schönheitsideal wir jeweils huldigen. Und durch unsere denkende Teilhabe an der Idee haben wir Teil am Unsterblichen. Das ist einfachst formuliert. Aber Näheres, gedanklich Zwingenderes findet sich im Ethikkurs. Sie sind herzlich eingeladen weiterzudenken.

Hier noch etwas zum Verhältnis von Ethik zu den Religionsfächern: Wir nehmen, wenn sie geben; wir geben, wenn sie nehmen. Und wir unterrichten auf derselben Schiene.

Harro Fischer, Frühjahr 2001

faecher/ethik/start.txt · Zuletzt geändert: 2013/09/03 22:08 von Matthias Friederichs
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